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Dirk Hordorff: Deutsches Herrentennis

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„Wichtig ist das, was am Schluss rauskommt“

Philipp Kohlschreiber und Alexander Zverev – sie sind momentan die beiden einzigen deutschen Herren, die sich unter den 100 besten Tennisspielern der Welt befinden. Zu wenig, so der Tenor bei einer Podiumsdiskussion in der TennisBase Oberhaching, bei der es um das Thema „Zukunft des deutschen Herrentennis“ ging. Mit von der Partie: Dirk Hordorff (DTB-Vizepräsident Spitzensport, Ausbildung und Training. Er bezog im Gespräch mit DTZ-Redakteur Andreas Bender Stellung zur aktuellen Situation im deutschen Herrentennis.

 

Herr Hordorff, bei der Podiumsdiskussion erwähnten Sie im Bezug auf die aktuelle Situation im deutschen Herrentennis, dass man nicht da sei, wo man sein wolle. Können Sie das ein wenig erläutern? Wo würde man denn gern sein und was wurde diesbezüglich in der Vergangenheit verfehlt bzw. versäumt?

Dirk Hordorff: Sicher kann es nicht den Anspruch erfüllen, wenn man zwei oder drei Aktive in den Top 100 des ATP Einzelrankings aus Deutschland hat. Aber dieses ändert sich wöchentlich und ich hoffe, dass sich die Anzahl bis zur Qualifikation für die Olympischen Spiele deutlich verbessert. Trotzdem muss man akzeptieren, dass wir viele Jahre den internationalen Anschluss verpasst haben. Deutschland als größter Tennisverband der Welt muss mehr aus seinen Erfolgen im Jugendbereich machen. Hier gilt es anzusetzen. Wir haben erste Schritte in 2015 durchgeführt und wir merken schon eine Aufbruchsstimmung. Aber hier ist ein langer Atem erforderlich und einige Jahre harte Aufbauarbeit. Der DTB wird sich bemühen, in Zukunft ziel- und ergebnisorientierter zu arbeiten.

Rene Stammbach erklärte das Förder-System des Schweizer Tennisverbandes. Hierbei unterstützt der Verband die privaten Akademien und arbeitet eng mit ihnen zusammen. Sollte dieses Modell auch in Deutschland umgesetzt werden? Halten Sie eine solche Veränderung für machbar? Welche Probleme könnten entstehen?

Dirk Hordorff: Wir waren uns mit Rene Stammbach einig, dass es nicht wichtig ist, ob der Spieler beim DTB, einem Landesverband, in einer privaten Akademie oder im privaten Umfeld trainiert. Wichtig ist das, was am Schluss rauskommt. Wenn ein deutscher Spieler erfolgreich spielt ist es doch egal, wo er früher trainiert hat, ob privat oder im Verbandssystem. Am Schluss spielt er für Deutschland und hilft dem deutschen Tennis. Vielmehr muss der Verband versuchen, das beste Training anzubieten und seinen Nachwuchsspielern die beste Förderung zu geben. Und Konkurrenz steigert die Leistung, und private Akademien sollten als Bereicherung gesehen werden.

Häufig wird darüber gesprochen, dass finanzielle Mittel beim Deutschen Tennis Bund fehlen, um Veränderungen realisieren zu können. Derzeit stehen Sie diesbezüglich in Gesprächen mit dem DOSB. Was erwarten Sie sich davon? An welchen Stellen würde man einen Zuschuss des DOSB am drin­gends­ten benötigen und dann auch einsetzen?

Dirk Hordorff: Der DOSB unterstützt den DTB bei seinen Bemühungen. Hier ist zum Beispiel der neue B-Kader Trainer Michael Kohlmann und die Förderung des Konditionstrainers von Alexander Zverev zu nennen. Wichtig ist, dass der DTB ab 2017 in die Grundförderung des BMI (Bundesministerium des Innern) aufgenommen wird. Hier müssen wir unsere Hausaufgaben im DTB machen und die Subsidiaritätsprüfung erfolgreich bestehen. Wir sind in guten Gesprächen mit dem BMI zu dieser Thematik und hoffentlich kommt bald ein positiver Bescheid.

Der DTB ist der drittgrößte Sportverband in Deutschland und erfüllt mit seinen Landesverbänden und Vereinen wichtige Aufgaben in der Jugendförderung und hat als Olympischer Sportverband auch viele Erfolge und Medaillen für Deutschland erzielt. Wir sind förderungswürdig und benötigen auch die entsprechenden Mittel, um unsere Aufgaben wahrnehmen zu können. Ohne diese Unterstützung sind wir für den internationalen Vergleich nicht gerüs­tet. Unsere Nachwuchsathleten haben eine faire Unterstützung verdient.

Thema Veränderung der Turnierstruktur: Tenor dieser Diskussion war, dass es mehr Future-Turniere in Deutschland geben sollte, man seitens des DTB allerdings zu viel Geld für „Tradition“ ausgebe. Welche Veranstaltungen sind gemeint? Wie stehen Sie dazu? Sollten hier Veränderungen forciert werden?

Dirk Hordorff: Dem kann ich nicht zustimmen. Es trifft nicht zu, dass der DTB zu viel Geld für die „Tradition“ ausgibt. Aber natürlich wünschen wir uns mehr Future-Turniere in Deutschland. Sie sind für unsere Spieler, die dann vor eigenem Publikum spielen können, die Basis und der erste Schritt ins Profitennis.

In einem Ausblick auf die Zukunft nannten Sie die Nachwuchsspieler Nicola Kuhn, Rudolf Molleker und Marvin Möller als potenzielle Top 10-Spieler. Gab es solche Spitzen-Talente in den vergangenen Jahren nicht? Wie müssen solche Spieler Ihrer Meinung nach gefördert werden, um den Weg nach ganz oben zu schaffen?

Dirk Hordorff: Sicher sind die Erfolge der drei Jungs in den letzten zwei Jahren mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft U14, der Europameisterschaft U16 im Winter und dem zweiten Platz beim Junior Davis Cup im Sommer 2015 beeindruckend. Seit einem Jahr werden diese Spieler gezielt im Talent Team des DTB gefördert. Wir wissen, dass es ein langer Weg bis zum erfolgreichen Spieler bei den Herren ist. Und von potenziellen Top 10 Spielern möchte ich in dem Alter noch keinen Nachwuchsspieler hochjubeln. Wir sollten hier keinen Druck aufbauen, sondern den Spielern die Möglichkeit bieten, sich zu entwickeln. Hier möchten wir erfolgreicher sein als dies in der Vergangenheit des Öfteren vorkam. Unser Sportdirektor Klaus Eberhard hat die Federführung bei dem Talent Team und wir werden darauf achten, dass hier nicht zu viele mitreden und die Jugendlichen wissen, wer ihr Ansprechpartner beim DTB ist.

Interessant in diesem Zusammenhang ist mal zu schauen, wie und wo die drei Genannten sich bisher entwickelt haben. Nicola Kuhn trainiert in Spanien in der Juan Carlos Ferrero Akademie, Marvin Möller wird vom Hamburger Tennis-Verband sehr gut gefördert und vom dortigen Verbandstrainer Guido Fratzke trainiert, Rudi Molleker trainiert mit seinem Vater in einem privaten Umfeld. Der DTB wird hier je nach Situation die Förderung individuell durchführen.

Herr Hordorff, herzlichen Dank für das Gespräch.

Letzte Änderung amDienstag, 10 November 2015 18:50

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